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»Landhausleben«
Achim und Bettina
von Arnims

MUSEUM - Texte

Wiepersdorfer »Landhausleben« Achim und Bettina von Arnims

von HEINZ HÄRTL


Wiepersdorf wurde, auch als Achim und Bettina von Arnim das Gut bewohnten, kein romantischer Ort. Statt starker landschaftlicher Reize enorme landwirtschaftliche Nöte; kaum geistreiche Konversation, dafür Umgang mit biederen Pächtern und Gutsnachbarn, mit gutmütigen oder gerissenen Knechten und Mägden; etwas Luxus im Haus, aber doch ein karges Leben auf dem platten Lande. Wichtig waren die profanen Ereignisse, die Lebens- und Überlebensnotwendigkeiten. Ein Hund wurde tollwütig, die Magd mauste, eine Scheune musste errichtet, Wäsche gemacht, das Klo ausgebessert werden. Pfingstfest und Sonntagspredigt bildeten Höhepunkte eines Daseins, das von Aussaat und Ernte, von der Sorge um das tägliche Brot und die sonstigen Nahrungsmittel, von der Neuordnung der Besitzverhältnisse nach der Steinschen Agrarreform und vor allem von der Notwendigkeit bestimmt war, einen erdrückenden Schuldenberg abzutragen und dann nicht wieder anwachsen zu lassen. Nur selten kamen die Freunde zu Besuch, Brentano aus Prag, Savigny von Berlin oder aus Kassel Wilhelm Grimm, der seinem Bruder Jacob in einem Brief vom 13. Juni 1816 berichtete:

»Die Kinder werden fast wie Bauernkinder aufgezogen und laufen in Kitteln, deren Zeug die Bettine selbst gewebt. [...] Arnims Haus ist geräumig und der Garten daran und der Wald von Birken dahinter schön, doch ist jenes inwendig ziemlich verfallen, war aber mit Pracht und eigentlich fürstlich eingerichtet. Zimmer mit purpurseiden Tapeten und reichen Goldleisten und getäfelter Boden. In seiner Stube liegt alles ziemlich untereinander, die Bettine führt die Haushaltung selbst, hat alles Schwere, z. B. gutes Kochen, leicht erlernt, hat aber keine Lust an diesem Wesen, daher wird ihr alles sauer und ist doch in Unordnung. Dabei wird sie betrogen und bestohlen von allen Seiten. Beiden wäre zu wünschen, dass sie aus dieser Lebensart herauskämen. [...] Das ganze Ländchen [...] trägt an Pacht 8000 Taler ein, die aber für, glaube ich, 150 000 Taler Schulden die Zinsen ausmachen, so dass ihm sehr wenig übrig bleibt.«

Als Arnim mit Bettina im Frühjahr 1814, zur Zeit der Befreiungskriege, von Berlin nach Wiepersdorf zog, tat er dies, weil er in der preußischen Hauptstadt keine Anstellung gefunden hatte, die ihm gemäß gewesen wäre. Er hoffte, sich seiner »Arnimsarmut« (Brentano) dadurch zu entwinden, dass er die Bewirtschaftung des ihm und seinem Bruder vererbten Ländchens Bärwalde selbst in die Hand nahm, weil er einer sich rasch vergrößernden Familie, die noch auf sieben Kinder anwuchs, die materielle Basis sichern musste. In Berlin war ihm als verarmtem kurmärkischen Adligen, als antinapoleonisch gesinntem Preußen, der mit einer lavierenden Reformpartei unter der Kanzlerschaft Hardenbergs zusammenstieß, als produktivem Dichter, dessen Werke wenig verstanden wurden, »der Boden zu weich« geworden (an Bettina, 1. April 1809). In Wiepersdorf, wo er wieder Boden unter die Füße bekam, festigte sich seine soziale Position als Grundbesitzer, der dem reformerischen Weg zur Kapitalisierung der landwirtschaftlichen Verhältnisse keine ernsthaften Widerstände entgegensetzte und zur altständischen Fronde ebenso Distanz hielt wie zu den bürgerlichen Liberalen. Wenn die Romantiker auch für die Poesie lebten, so konnten sie doch von der Poesie nicht leben, und es waren nicht die geringsten von ihnen, die sich auch in Güterverwaltung und Getreidepreisen, Schafzucht und Rübenzuckerfabrikation auskannten. Arnim und Bettina akzeptierten die profanen Dinge, die ihnen in Wiepersdorf zu schaffen machten - er mehr, sie weniger - und insbesondere für ihn hatte die ländliche Zurückgezogenheit gegenüber dem Getöse des Berliner Lebens den Vorzug der Momente des stillen Glücks und einer Einsamkeit, in der die Dichtung gedeihen kann.

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Die provinziellen Erfahrungen ermöglichten Einsichten, die für die literarischen Arbeiten wichtig wurden. Arnim setzte sich in zahlreichen Zeitungsartikeln über soziale und ökonomische Gegenstände sehr konkret für Verbesserungen inländischer Zustände ein und gestaltete in Erzählungen wie »Die Einquartierung im Pfarrhause« oder in »Landhausleben« (1826), seinem letzten Buch, die gutsherrschaftlichen Verhältnisse mit zuweilen burleskem Humor. Wichtiger als der genaue Blick auf die Dinge war jedoch das durchdringende Erkenntnisvermögen, der »Zeit - [...] - zwischen den Federn auf die Haut« sehen zu können - so »nahe«, dass die »Zeit« erst später »merkt«, wie sie von einem durchschaut wird, den sie »für einen verwirrten Poeten gehalten« hat (Arnim an Savigny, 10. April 1815). Und noch den späten Werken Bettinas - »Dies Buch gehört dem König« (1843), »Gespräche mit Dämonen« (1852), dem »Armenbuch«-Projekt -, in denen ihr soziales Engagement für die Armen und Ausgebeuteten dominierend zum Ausdruck kommt, sind die Wiepersdorfer Eindrücke als eine Art verborgener Text eingeschrieben.

Wurde für Arnims Schaffen eher der Abstand produktiv, den er in Wiepersdorf zu Berlin gewann, so für dasjenige Bettinas die Distanz, die ihr Berlin gegenüber Wiepersdorf ermöglichte. Er fühlte sich wohler auf dem Lande, sie lebte lieber in der Stadt. Die meiste Zeit ihrer Ehejahre verbrachten sie voneinander getrennt, er vor allem in dem kleinen, sie vor allem in dem großen Ort. Die Spannung dieser Ehe war wesentlich bestimmt von dem häufigen Wechsel gemeinsamen und getrennten Lebens. Dass sie sich allen äußeren und auch inneren Entfernungen zum Trotz tapfer die Treue hielten, macht nicht zum geringsten das Faszinierende einer Verbindung aus, deren Dauer die Entfernungen begünstigt haben mögen. Nach Arnims Tod, als Bettina zu einer Berliner Sehenswürdigkeit, zu einer Schriftstellerin von bis nach Nordamerika ausstrahlender Berühmtheit avancierte, zog sie sich doch immer wieder aus dem »Weltlärm« in das Ländchen Bärwalde zurück, um an ihren Büchern zu arbeiten, ihre Verlagsgeschäfte und andere Korrespondenzen zu betreiben. »Diese treffliche Einsamkeit macht mich glücklich«, schrieb sie 1849 an die Schwester Gundula, als sie, lange nach Arnims Tod, das Landleben mehr schätzen gelernt hatte als zu seinen Lebzeiten.

Wenn Wiepersdorf auch kein romantischer Ort wurde, so ist doch die Entwicklungsrichtung der deutschen Romantik, für welche die Namen Achim und Bettina von Arnim überschriftenartig stehen, nicht vorstellbar ohne den Ort Wiepersdorf. Während einzelne romantische Strömungen in die politische Unverbindlichkeit des Biedermeier und in die Liason mit den politisch Herrschenden führten, transformierten beide Arnims Kunstwerte aus der Zeit der frühen, kritischen Romantik und Ideengut der preußischen Reformer in die Epoche der politischen Restauration. In der Zurückgezogenheit vom »Weltlärm« sensibilisierten die Wiepersdorfer Erfahrungen ihr Verständnis der Welt. In Wiepersdorf hatten sie das Naheliegende im Blick, ohne aus ihm das Entfernte zu verlieren.


Heinz Härtl, geboren 1940 in Reichenberg/ Liberez, Tschechische Republik, Literaturwissenschaftler in der Stiftung Weimarer Klassik, Mitherausgeber der Weimarer Achim von Arnim-Ausgabe

Quelle: Schloß Wiepersdorf. Künstlerhaus in der Mark Brandenburg. Veröffentlichung des Künstlerhauses Schloß Wiepersdorf der Stiftung Kulturfonds; hrsg. von Verena Nolte und Doris Sossenheimer. Göttingen: Wallstein-Verlag, 1997. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Wallstein-Verlags.


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